Château Pichon Lalande 1928 – 2005 mit Nicolas Glumineau

Schön, dass ich hier dabei sein durfte. 25 Jahrgänge Pichon Comtesse de Lalande. Präsentiert von Nicolas Glumineau, dem aktuellen General Manager vom berühmten Pauillac Chateau.

Zugegeben, ich bin kein grosser Pichon Lalande Fan. Die Anzahl der edlen, goldenen Flaschen in meinem Keller halten sich in Grenzen. Natürlich ist mir bewusst ist, dass der geschmeidige Claret mit seinem hohen Merlotanteil über eine grosse Fangemeinde verfügt. Die stolzen Preise dieses noblen Pauillac Deuxieme sprechen für die stetige Nachfrage. Mir wirkt er im allgemeinen  etwas  „auf international geschliffen“, oftmals mit fehlender Konzentration und Tiefe. Es gibt aber auch die dramatischen Pichon Lalande. Der 1982er beispielsweise, ist einer der aller grössten Weine, die ich je geniessen durfte.  

Château Pichon-Longueville-Comtesse de Lalande, wie es offiziell heisst, grenzt unmittelbar an sein „Zwillingsweingut“ Pichon Baron, welche im 19. Jahrhundert zusammengehörten. Seit 2006 ist das rund 75 Hektar grosse Anwesen im Besitze des Champagner Haus Roederers. Die Rebberge sind bepflanzt mit 45% Cabernet Sauvignon, 35% Merlot, 12% Cabernet Franc und 8% Petit Verdot. Zusammen mit dem Zweitwein, „Reserve de la Comtesse“ werden pro Jahr rund 350’000 Flaschen abgefüllt. Aktuelle Jahrgänge von Pichon Lalande kosten rund 100 Franken. Die hoch bewerteten 2009er und 2010 etwa das Doppelte. Aufgrund der hohen Menge sind stets genügend ältere Jahrgänge auf dem Markt verfügbar.

Die Geschichte von Pichon Lalande von Lux-Dream TV (Quelle Youtube)

Auch wenn ich kein Lalande Euphoriker bin, schätze ich natürlich eine umfangreiche Vertikale, sowohl mit alten wie auch jungen Jahrgängen. Und wenn diese Probe dann auch noch „fast bei mir zu Hause“, nämlich im Sempacherhof stattfindet, von René Gabriel organisiert wird und sogar noch der General Manager Nicolas Glumineau selber mit dabei ist, dann wird die Teilnahme zum Muss! Nicolas hat zwar keiner dieser Weine selber gemacht. Er zeichnet sich erstmals ab 2012 verantwortlich für den Pichon Lalande. Vorher leistete er tolle Arbeit auf Haut Brion und Chateau Montrose, wo er u.a. die phänomenalen 2009er und 2010 sein Eigen nennen darf. Sein Einstand bei PiCoLa scheint geglückt. Gut kommt der 2012 weg und auch der 2014er wird allgemein hoch bewertet. Es lohnt sich also, den talentierten und sympathischen Nicolas und die Weine von Pichon Lalande im Auge zu behalten.

Die Verkostung im Sempacherhof erfolgte von alt nach jung. Degustiert wurde offen. 

 

1928 Pichon Longueville Comtesse de Lalande 16/20  vorbei
1941 (TS)  Pichon Longueville Comtesse de Lalande  15/20 vorbei
1943 (LS  Pichon Longueville Comtesse de Lalande  11/20 vorbei
1958  Pichon Longueville Comtesse de Lalande  15/20 vorbei
1959 (TS)  Pichon Longueville Comtesse de Lalande  17/20 austrinken

 

Sicherlich keine allzu grossen Erwartungen setzten wir in den ersten Flight mit sehr alten Flaschen. Anfänglich ordentlich in Form war der malzige 1928 Pichon Lalande. Im Gaumen immer noch schöne Süsse, sehr leicht und im Glas schnell beginnende Oxydation. Respekt für 1941 Pichon Lalande, der aus sehr schwierige Jahr nussig, burgundisch leicht daher kam. Etwas Vanille, Teer und Kampfer. Zerfällt aber ebenfalls schnell im Glas. Keine Rettung gabs für den kaputten 1943 Pichon Lalande.

 

serie 5

 

1958 Pichon Lalande zeigt sich mit schönem Granat. Röstig, molliger Nase. Etwas Orangeade, Rosinen und Schokolade. Sehr leichter, zerbrechlichem Körper und trockenem Abgang. Überrascht hat 1959 Pichon Lalande mit würzigem Bouquet. Eisenkraut, Vermouth und Rosinen. Natürlich leicht metallisch im Abgang aber immer noch sehr gut.

 

1961 (MS) Pichon Longueville Comtesse de Lalande 18/20  austrinken
1966 (TS) Pichon Longueville Comtesse de Lalande  14/20 vorbei
1967  Pichon Longueville Comtesse de Lalande  15/20 vorbei
1971 Pichon Longueville Comtesse de Lalande  17/20 austrinken
1975 Pichon Longueville Comtesse de Lalande  16.5/20 austrinken

 

Ein wahrlich grosser Wein ist 1961 Pichon Lalande. Vielschichtiges, sehr reifes Bouquet. Malz, Wildleder, Rosinen, Kräuter, Asche und immer noch Pflaumenreste. Zeigt eine bemerkenswerte Tiefe und schöne Harmonie. Etwas muffig und dumpf wirkte 1966 Pichon Lalande. Wohl etwas Brett. Im Gaumen zwar recht breit und füllig. Die Aromen sind aber nicht stimmig. Ansprechend präsentierte sich aus ebenfalls schwierigem Jahr 1967 Pichon Lalande. Würziges Bouquet. Etwas Dill und Peperoni. Wenig Frucht und sehr schlank. Fehlerfrei aber harmlos.

 serie alt

 

Erfreut hat mich 1971 Pichon Lalande. Da hätte ich nichts erwartet. Es zeigt sich ein burgundisch leichter, stimmiger Pauillac, mit würzigen Noten, etwas Fenchel, Eisenkraut Kakao und Rosinen. Ein „old Fashion“ Lalande, genauso wie 1975 Pichon Lalande. Kräftiger als 71 aber nicht so kantig und unnahbar wie viele Jahrgangskollegen. Ein rustikaler Wein, komplex, mit guter Länge und viel erdigen Aromen.

 

1979 Pichon Longueville Comtesse de Lalande 17.5/20  austrinken
1981 Pichon Longueville Comtesse de Lalande  17/20 austrinken
1982 Pichon Longueville Comtesse de Lalande  20/20 trinken – 2020
1983 Pichon Longueville Comtesse de Lalande    Kork
1985 Pichon Longueville Comtesse de Lalande  18.5/20 austrinken

 

Hoppla! 1979 Pichon Lalande! Ein super Stoff. Recht dunkles Granat, röstige Aromen (Kaffee, Schokolade, Praline,Tabak) dazu immer noch schöne Fruchtnoten. Elegant, klassisch im Gaumen. Wunderbar gereift und immer noch sehr lebendig. Gehört zu den in dieser Form zu den besten 79ern. Auch 1981 Pichon Lalande überzeugt nach wie vor. Pflaumen, Rosinen, etwas Jod und Stroh. Laktisch, geschmeidig im Bouquet. Leicht medizinal im Gaumen. Mittelschwer.

Keine Notiz nahmen wir vom korkigen 1983 Pichon Lalande, dafür gibt’s viel zu schreiben über den einmal mehr so phänomenalen 1982 Pichon Lalande. Dieser Wein gehört zu meinen Top Ten Weinen überhaut. Er beginnt in der Nase schön äusserst elegant. Rauch, Nuss, Gianduja, süsses Cassis, Kandis und etwas Kalk. Dazu Zedern und Pflaumen. Zeigt im Gaumen eine vorzügliche Eleganz, perfekte Balance und atemberaubende Intensität. Im Gegensatz zu früheren Begegnungen (immer alle diskussionslos mit 20/20) verfügt dieser verlockende Traum Pauillac nicht mehr über die exotisch, extrovertierte Süsse, sondern ähnelt in dieser Phase eher einer Mischung aus 1982er Leoville Las Cases und 1982 Mouton Rothschild. Nur einfach noch besser!

In optimaler Trinkreife zeigte sich auch 1985 Pichon Lalande. Intensiv, rauchiges Bouquet. Mit Zedern Tabak und Teer. Darunter immer noch Brombeeren und Cassis. Mittelschwer im Gaumen, alles ist extrem stimmig und gefällt ausgezeichnet.

 

1986 Pichon Longueville Comtesse de Lalande 14/20?  trinken – 2030
1989 Pichon Longueville Comtesse de Lalande  19/20 trinken – 2025
1993 Pichon Longueville Comtesse de Lalande  15/20 austrinken
1994 Pichon Longueville Comtesse de Lalande  16.5+/20 trinken – 2030
1995 Pichon Longueville Comtesse de Lalande  18+/20 trinken – 2035
1996 Pichon Longueville Comtesse de Lalande 18.5+/20 trinken – 2030

 

Es soll ab und zu auch gute 1986 Pichon Lalande geben. Ich begegne allerdings immer dieser dumpfen, muffigen Version mit deutlichem Brett Fehlton. Er zeigt im Innern seine Kraft, verbirgt sich aber ständig hinter seinem stinkigen Schleier. Immer phantastisch erlebe ich 1989 Pichon Lalande. Die heissen Jahrgänge mit höherem Cabernet Sauvignon Anteil passen einfach besser zu diesem Wein. Röstiges Bouquet. Nuss, Tabak, Kandis. Dazu immer noch Cassis und Pflaumen. Voluminös ohne fett zu wirken im Gaumen. Gute Säure, tolle Balance. Ein prachtvoller, grosser Lalande, von denen es leider nur drei, vier Beispiele pro Jahrzehnt gibt. Ich glaube aber, dass mit Nicolas Glumineau wieder mehr Beständigkeit auf Pichon Lalande Einzug hält und Meisterwerke wie 1982, 1985 oder 1989 wieder möglich sein werden.

Wieso ein kleiner Jahrgang wie 1993 Pichon Lalande einem derart üppigen Barrique Toasting unterzogen wird, bleibt wohl das Geheimnis des damaligen Kellermeister. Caramel und Kandis im Bouquet mit ganz wenig Frucht. Im Gaumen bereits ausgezehrt und in absteigender Phase. Besser ist dagegen 1994 Pichon Lalande. Recht kräftig, gute Säure und irgendwie langsam reifend. Dem Jahrgang entsprechend rustikal. Braucht viel Zeit und könnte mal so eine 1971er oder 1979er Geschichte werden.

Ein sicherer Wert, auch wenn er sich aktuell eher zugeknöpft zeigt, ist 1995 Pichon Lalande. Gesunde Frucht, blau- und schwerzbeerige Grundaromatik. Gehaltvoll, voluminös und gut stützende Säure. Die Tannine sind fein integriert. Eine typische Zwischenphase. Warten. 1996 Pichon Lalande ist ein grossartiger Wein und befindet sich jetzt in erster Trinkreife. Edel dunkelbeerig, mit schön begleitenden Röstaromen. Wirkt stoffig, Cabernet dominierend und druckvoll. Geschliffen im Gaumen, komplex und ausgestattet mit toller Länge. Zum 20. Geburtstag werden dieses Jahr sicher viele 1996er Medoc entkorkt. Ich hoffe möglichst oft dabei zu sein. 1996: Ein Cabernet Jahr par excellence.

 

2001 Pichon Longueville Comtesse de Lalande  17+/20 trinken – 2030
2002 Pichon Longueville Comtesse de Lalande  16.5+/20 trinken – 2030
2003 Pichon Longueville Comtesse de Lalande  18.5+/20 trinken – 2030
2004 Pichon Longueville Comtesse de Lalande (DMG) 18/20  trinken – 2035
2005 Pichon Longueville Comtesse de Lalande  18/20 2020 – 2040

 

2001 Pichon Lalande wirkt überholzt mit viel Mocca und Krokant. Zeigt eigentlich eine gute Struktur und mineralischer Gaumen, aber diese parfümierte Holznote dominiert wirkt aktuell störend. Warten und hoffen. Schwierig ist der Zugang zu 2002 Pichon Lalande. Auch hier ist viel Holz im Spiel. Dazwischen sind aber auch grüne Cabernetnoten. Im Gaumen Reife suchend mit viel Säure und harschen Tanninen ausgestattet. Ob das je mal was wird? Dagegen ist der 2003 Pichon Lalande eine wahre Offenbarung. Die 2003er sind einfach in jeder Phase extrem lecker. Da ist nichts von Verschliessen. Die Hitze des Jahrgangs machen den Wein extrovertiert, verleihen ihm eine süsse, reife Fruchtnote mit Lakritze und gebrannte Creme. Viel Brombeeren, Holunder und Cassis nach wie vor. Die Fülle ist beeindruckend und wirkt ein wenig kalifornisch. Macht ja nichts… 

2004 gilt als generell unterschätzter Jahrgang, da er im Sandwich zwischen den bombastischen 2003ern und 2005ern eingeklemmt ist. Doch viele 2004er bieten klassisches Bordeaux Erlebnis zu vernünftigen Preisen. Genau wie dieser 2004 Pichon Lalande. Wir genossen ihn aus der eindrücklichen Doppelmagnum. Gradlinig, frische, dunkelbeerige Aromatik. Etwas Bittermandeln und Praline. Intensiv, mineralisch. Da steckt viel Volumen drin. Zeigt sich bereist zugänglich und wird sich locker zwei Jahrzehnte halten. Der jüngste Wein der Probe war 2005 Pichon Lalande. Natürlich ist er noch viel zu jung. Lebt immer noch von laktischen Aromen und Kokos. Da ist aber so viel reifes, süsses Traubengut im Untergrund, das nur auf seine weitere Entwicklung wartet. Er ist weniger konzentriert als die ganz grossen 2005er und scheint auch früher trinkreif.

 

1 Kommentar

  1. Veröffentlicht von Rainer am 20. Januar 2016 um 22:06

    Baschi, du hast es gut beschrieben: der 82-er öffnet einem die Augen für das grandiose Potential dieses Weingutes. Es stellt sich die Frage, warum dieses Potential in den 80-er Jahren offensichtlich besser genutzt wurde als in den 90-er Jahren. Die Performance in den Jahren 2001, 2002 und 2005 bleibt ebenfalls hinter den Möglichkeiten zurück. Der Besitzwechsel im 2006 lässt hoffen.

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