Best of Bordeaux 1996
Wunderbare Probe mit allen Bordeaux Premiers im legendären Belvédère Hotel Spiez mit René Gabriel. Nach dreissig Jahren zeigen sich die Médocs in Top-Form.
Die Idee zu diesem gemeinsamen Event entstand vor über einem Jahr. Mir wurde auf eine Millesima Jahrgangskiste Bordeaux 1996 angeboten. Der Weingrosshändler bot früher solche Horizontal-Kollektionen an. Ähnlich wie die bekannteren Duclot Pakete bestand der Inhalt dieser 12er Kiste aus jeweils zwei Flaschen der Premiers Petrus, Cheval Blanc, Lafite Rothschild, Mouton Rothschild, Latour und Margaux.

Als Fans des Jahrgangs erkannten René und ich schnell das Potenzial dieser Sammlung für eine Probe. Aus dem Gabriel Keller stellten wir einige weitere bekannte Crus dazu und so kam diese kompakte Spitzenprobe zu Stande, welche dann auch sehr schnell ausgebucht war.

Und so pilgerten 28 Weinfreundinnen und Weinfreunde Ende April an den wunderschönen Thunersee nach Spiez zum Stelldichein der schönsten 1996er Bordeaux.
Médoc: Die 90er Jahre
Der Start ins Jahrzehnt gelang mit dem fantastischen 1990er. Dann das schwierige Quartett zwischen 1991 – 1994. Dafür günstige Preise. 1995 und 1996 wurden ähnlich hoch gelobt mit verdoppelten Preisen.
Aktuell tue ich mich mit 1995 schwer und bin gespannt ob dass wirklich was wird oder einen ähnlich komplizierten Verlauf nimmt wie vielleicht 1986. 1995 ist sicher stärker auf der rechten Seite. 1997 überall schwach, künstlich und teuer. 1998 klassisch, distanziert mit überraschenden Ausnahmen, genau so wie der früher trinkreife Jahrgang 1999.
Bordeaux 1996 – Ein glanzvoller Cabernet-Jahrgang
Der Jahrgang 1996 gehört zu den prägenden Bordeaux-Jahren der 1990er – im Médoc. Während man hier entspannte Erntebediungen erlebte, kämpfte man im St. Emilion und Pomerol mit Regen zur Unzeit. So blieb den Libourne Winzer nur das Dilemma vor dem Regen unreif oder nach dem Regen nass zu lesen. Die Revenge kam dann 1998. Genau das umgekehrte.

Somit ist 1996 kein gesamtheitlich grosser Jahrgang wie beispielsweise 1990 oder 2000. Der glanzvolle Fokus liegt klar an linker Uferseite. Insbesondere im Médoc zeigt er nach 30 Jahren seine eigentliche Grösse: Strukturierte, gehaltvolle, langlebige Cabernet-Weine. Einerseits jetzt in einer wunderbaren Trinkreife, andererseits besteht keine Eile. Vor allem die Premiers schaffen locker weiter 20 – 30 Jahre. Ganz gross!
Das Wunder von Bern – Der Geist von Spiez
Der genussvolle Abend mit traumhaften Wetter fand im legendären Belvédère Hotel Spiez statt.





In diesem Hotel residierte die Westdeutsche Fussball Nationalmannschaft 1954 anlässlich der Fussball Weltmeisterschaft. Die Legende besagt, dass in diesem idyllischen Ort über dem Thuner See, der Geist von Spiez entstand.
Ein Zusammenhalt des Teams, was schlussendlich zum WM Sieg über Ungarn führte. Das Wunder von Bern. Im und ums Hotel herum erinnern noch heute vieles an dieses Ereignis.

| 1996 Chateau Leoville Barton, Saint-Julien Apr 2026: Klassisch strukturierter Barton mit schwarz- und blaubeerigen Aromen. Schöne Torf, Zedern, Pfeffer und Waldnoten. Prägnante Säure, gute Tannine. Jetzt in einer schönen Trinkphase mit Potenzial für weitere zehn Jahre. | 94 tr – 2045 |
| 1996 Chateau Ducru-Beaucaillou, Saint-Julien Apr 2026: Zugängliches, röstiges Bouquet. Noble dunkelbeerige Aromen gepaart mit Rauch, Nougat, Malz und Kaffee. Im Gaumen mehr pflaumige Noten. Enorm feingliedrig, elegant und erhabener Wein. Aromenintensiv und trotzdem mittelschwer. Strahlt ungemeine Eleganz aus. Das ist wie ein Quantensprung, wenn man mit den unsauberen 80er Jahrgänge vergleicht. | 97 tr – 2040 |
| 1996 Chateau Gruaud-Larose, Saint-Julien Apr 2026: Kernig, rustikal, erdig. Typisch Gruaud Larose. Ein charaktervoller, ehrlicher Bordeaux, der stets viel aus seinem Potenzial herausholt. Auch 1996 ist ihm das voll gelungen. | 93 tr – 2030 |
| 1996 Chateau Pontet-Canet, Pauillac Apr 2026: Offenes Bouquet. Dunkelbeerig, Rauch, Schoko, Zedern, Brennesseln. Dazwischen attraktive rote, süsse Kirschen. Im Gaumen ausgewogen balanciert. Rund, geschmeidig und mit toller Länge ausgestattet. Alte Pontes sind mit oft zu kernig und die neuen zu opulent. Dieser 96er wirkt wie aus einer önologischen Zwischenwelt dieses Weinguts. Prachtvoll. | 96 tr – 2040 |
| 1996 Chateau Grand-Puy-Lacoste, Pauillac Apr 2026: Offenes, kraftvolles Bouquet. Klarer, reifer Cabernet Anzeiger, begleitet mit Zedern, Pflaumen und nassem Holz. Pflaumen, Brombeer auch im Gaumen mit ersten reifen Malz- und Terroiraromen. Es wirkt als könne er sich noch verfeinern und an Eleganz zulegen. | 94+ tr – 2045 |
| 1996 Chateau Pichon Longueville Comtesse de Lalande, Pauillac, Apr 2026: Verführerische, röstige Nase. Noble Barrique, defensive Frucht. Leicht grüne, würzige Noten. Etwas verhalten im Ansatz. Geschmeidig eleganter Körper. Alles ist zugänglich. Es fehlt mir einfach etwas an Fülle und Tiefgang für diesen grossen Jahrgang. | 92 tr – 2035 |


| 1996 Chateau Haut-Brion, Pessac-Leognan Apr 2026: Viel Aromen im Bouquet aber alles in dezenter, verschlossener Form. Dunkle Beeren, Cakesfrüchte, Tabak, Baumnuss, Holz, Gewürze, Teer. Gaumen mineralisch, straff mit viel Tiefe und Länge. Zeigt noch nicht sein ganzes Potenzial. Typisch für Haut Brion in grossen Jahren. Geduld. | 96+ tr – 2050 |
| 1996 Chateau Margaux, Margaux Apr 2026: Anfänglich distanziert im Bouquet. Man muss sich auf ihn einlassen. Zeit nehmen. Nähe suchen. Ein leiser, langsam wachsender Premier. Dezente super reife beerige Aromen gepaart mit noblem Holzeinsatz, etwas Mocca und ersten erdigen Aromen. Reift ganz entspannt und könnte sich zu einer Art 90er mit mehr Kraft entwickeln. Traumhaft. | 98+ tr – 2055 |
| 1996 Chateau Montrose, Saint-Estephe Apr 2026: Tiefgründig, ausdrucksstarker St. Estephe. In seiner gewohnten kraftvollen Art. Schoko, Brombeeren, Trüffel und Holz. 20% Merlot verleiht ihm Fülle. Ist dabei seine vielen positiven Attribute zu harmonisieren. Keine Eile. | 95+ tr – 2055 |
| 1996 Chateau Cos d’Estournel, Saint-Estephe (Imperial) Apr 2026: Diese spektakuläre Grossflasche diente als Tischwein und leerte sich im Rekord Tempo. Offenes zugängliches Bouquet. Schöne Röstung, aber weniger Holz als die verkappten Jahrgänge um ihn herum. Konzentrierte beerige Noten, füllig, samtig. Etwas Leder, Tabak und Moos. Wunderschönes Gesamtpaket. Bin schon seit Anfang Fan von diesem 96er Cos. Jetzt in perfekter Trinkreife. 65% Cabernet Sauvignon, 35% Merlot. Nur 2/3 neue Fässer. Geht doch! | 96 tr – 2040 |

| 1996 Chateau Lafite Rothschild, Pauillac Apr 2026: Anfänglich leicht verschlossen, öffnete sich aber zunehmend im Glas. Eigentlich ist er im Tiefschlaf und zeigt in Ansätzen sein enormes Potenzial. Dies spürt man beim ersten Schluck. Unglaublicher Druck und Tiefgang kommt einem da entgegen. Du spürst sofort, dass es sich um einen tiefgründigen Premier handeln muss. Die Aromen sind dunkelbeeig, kombiniert mit Zedern, Brotkruste, Lakritz, Feuerstein, Minze und Leder. Alles auch nach 30 Jahren unglaublich frisch und kompakt. Die Länge ist gewaltig. Alles perfekt, nur noch nicht der richtige Zeitpunkt. | 99+ tr – 2060 |
| 1996 Chateau Latour, Pauillac Apr 2026: Tiefgründiges, dunkles Aroma. Cassis, Brombeeren zuerst aber dann mehr Waldboden, Moos, Baumnüsse, Oliven, Pilz. Bei jedem Schwenk im Glas zeigt er sich von neuem. Im Gaumen überzeugt er durch Dichte. Enormern Tiefgang, makellose Struktur und unbändige Länge. Ein Paradebeispiel eines Pauillac Premiers. Geballte Kraft mit zunehmender Harmonie. Solche Momente machen einem irgendwie demütig. Schaut euch das Trinkfenster an. Der Wein ist noch da wenn wir….. | 98+ tr – 2070 |
| 1996 Chateau Mouton Rothschild, Pauillac Apr 2026: Party Premier! Nussig, röstiges Bouquet. Süss. Klare Mouton Nase. Aber nicht mehr so verspielt und extrovertiert. Zeigt sich erwachsen, etwas ruhiger aber nicht minder grosse. Fülliger Gaumen, alles ist reif und zugänglich. Entwickelt sich deutlich schneller als Latour und Lafite. Für mich der beste Mouton aus den 90er Jahren, hat sogar die Nase gegenüber den 2000er vorne, und wird wahrscheinlich erst wieder vom 2005er getoppt. | 97 tr – 2040 |



| 1996 Chateau Figeac, Saint-Emilion Apr 2026: Reifes, leicht malziges Bouquet. Gewürze, Kräuter, Grüntee. Wirkt etwas exotisch und nicht gleich als Bordeaux erkennbar. Machte sich als Pirat neben Cheval Blanc und Petrus sehr gut. Es fehlt einfach etwas an Komplexität, was dem schwierigen Jahr St. Emilion zuzufügen ist. Befindet sich aber noch in einer schönen Endtrinkphase. | 91 austrinken |
| 1996 Chateau Cheval Blanc, Saint-Emilion Apr 2026: Verführerisches zugängliches Bouquet. Fast noch etwas laktische Noten. Viel Röstaromen, Kokos. Es wirkt ein wenig, wie wann man das fehlende Jahrgangspotenzial mit übermässigem Barriqueeinsatz aufmotzen wollte. Die Maskerade fällt dann schnell im Gaumen mit seiner malzigen, sogar leicht oxydativen Art. | 88 austrinken |
| 1996 Petrus, Pomerol Apr 2026: Offenes, reifes Bouquet. Erdig, mollige Merlot Noten mit Pflaumen und Schoko. Etwas Minze und Eukalyptus. Eher auf der würzigen Seite auch im Gaumen. Leicht, geschmeidig und süffig. Das Jahrgangsdefizit lässt sich halt auch bei Petrus nicht kaschieren. Zum Glück. | 92 austrinken |
Lieber René, lieber Baschi,
ich danke Euch herzlich für diesen grossartigen Anlass! Ihr habt in wie immer professioneller und unterhaltsamer Manier diese wunderbaren Kreszenzen vorgestellt.
Es hat mir rundum Freude gemacht:
Ihr, die Weine, das Essen und die angenehme Gästeschar.
Bis bald und mit herzlichen Grüssen,
Luciano